Textatelier
BLOG vom: 24.07.2012

Porträtkunst bei Sonja Burger: Wenn das Modell gehöht wird

 
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Wer das Zeichnen beherrsche, könne auch immer malen, denn der Maler gebe, vereinfacht gesagt, die Fläche wieder. Aber nicht jeder Maler könne auch zeichnen. Beim Zeichnen werde die Form wiedergegeben.
 
Sonja Burger philosophierte in diesem Sinne über darstellende Künste, während sie mit Pastellkreiden aus gepressten Pigmenten zeichnete. Sie hatte einen kleinen, quadratischen Holztisch auf der Porphyr-Pflästerung aufgestellt. Der Boden beim grossen, halbseitig mit über 2 Meter hohem Schilf eingerahmten Weiher war mit dürren Ästen und Laub bestreut. Die Illustratorin sass entspannt vor dem hellgrauen, etwa 46 × 66 cm grossen Blatt, das auf eine Spanplatte geklebt war. Noch zeichneten sich auf dem Papier erst einige Konturen ab, eigentlich ging es vorerst um die Aufteilung der Zeichenfläche: Oberkörper mit Arm, Kopf.
 
Die Künstlerin hatte mich geheissen, in einen ergonomischen, elastisch wirkenden und deshalb bequemen Juliette-Stuhl aus Federstahl zu sitzen, ein Werk von Hannes Wettstein. Designer- bzw. Gebrauchskunst. Ich richtete den Blick zu meinem Notizbuch und sollte in dieser Position verharren (wenn immer möglich) – notieren erlaubt. „Ich zeichne dich vorerst etwas auf“, sagte Sonja, während ich mir meinerseits vornahm, die Situation schriftlich aufzuzeichnen, die einzige Art des Zeichnens, die ich einigermassen beherrsche. Die Künstlerin hatte mich zu dieser Übung eingeladen – schliesslich könnte sich ein Blog-Motiv daraus ergeben. Die Idee gefiel mir.
 
Ich spürte durchdringende Blicke, das Massnehmen; alles geschah freihändig. Die Einhaltung des Stillhalteabkommens fiel mir schwer. Sonja war es, die das Schweigen brach und sagte, dass sie Wilhelm Busch als talentierten Zeichner betrachte. Vielleicht dachte sie beim Betrachten ihres Motivs an den rundlichen Lausbuben Max, wohl eher als an Moritz.
 
Wie soll man antworten, ohne seine Gesprächspartnerin anzuschauen? Dabei lässt sich Sonja, gertenschlank, langes, wallendes braunes Haar, blasse Gesichtshaut, liebreizender Ausdruck, schon sehen. Sie hat Charme, Stil, setzt Kosmetik zurückhaltend ein, höchstens in der Augen- und Lippenpartie. Der Wind rauschte durch die Blätter des mächtigen Haselnussbuschs und durch die Bäume in der Umgebung des Schürlimattrings in Wildegg AG. In einer solchen Atmosphäre zeichnet es sich ausgezeichnet.
 
Nach dem Beenden der Kompositionsskizze begann Sonja die illustratorische Feinarbeit beim Haar. „Du häsch no vill Hoor“ (Du hast noch viele Haare), sagte sie. „Söll i mi schträhle?" ( „Soll ich mich kämmen?“). Dumme Frage. Meine Model-Erfahrungen sind gleich Null – was natürlich seine Gründe hat. „Nei, ebennöd“ (Nein, gerade das nicht), antwortete sie, fast erschrocken. Die Vorlage musste mit der Zeichnung übereinstimmen.
 
Das Kunstwerk wurde mit der Frisur begonnen, gewissermassen um sich einzuzeichnen, sich warm zu zeichnen, in Fahrt zu kommen. Dann kann allmählich das schwierigste Kapitel in Angriff genommen werden: das Gesicht. Neben der äusserlichen Übereinstimmung werden die psychologischen Besonderheiten des Porträtierten herausgearbeitet. Ich kam mir in dieser Phase wie eine Persönlichkeit mit Bedeutung vor (ohne mir das anmerken zu lassen), zumal vorwiegend im Barockzeitalter an den Höfen eigene Porträtspezialisten arbeiteten. Ich hatte Zeit zum Nachdenken. Mit dem Aufkommen der Fotografie verlor die Porträtmalerei ihre Bedeutung, wurde allerdings im 20. Jahrhundert durch deutsche Maler wie Lovis Corinth, Oskar Kokoschka und Max Beckmann wiederbelebt. Ich hatte die Kamera bei mir, hielt in geeigneten Momenten Sonja bei der Arbeit fest.
 
Vom Zeichentisch her ertönte ein Kratzen, wie wenn jemand mit einer Kreide über eine Schiefertafel fährt. Sie wolle die Zeichnung jetzt etwas „höhen“, sagte Sonja. „Höhen?“ Den Begriff, der aus der Malerei stammt, kannte ich nicht. Die Erklärung: Vor dem dunkleren, im vorliegenden Falle grauen Hintergrund wird die Zeichnung heller gemacht, das heisst, es können bestimmte Stellen hervorgehoben werden, was die plastische Wirkung betont. Solche Hell-Dunkel-Zeichnungen waren übrigens die Paradestücke der altdeutschen Zeichnungskunst.
 
Und beim Höhen war Sonja selber verwundert, was da zum Vorschein kam: „Du häsch e langi Schtirne und gsehsch uus wie de jungi  Cézanne.“ – Sah Paul Cézanne wirklich so schlecht aus? Eine Schönheit war er zweifellos nicht; jedenfalls erlangte der französische Maler seine Berühmtheit nicht durch sein Aussehen.
 
„D'Lippe nöd bewege!" (Die Lippen nicht bewegen), wurde mir im sanften Tonfall befohlen; Sonja sagte nicht einfach und ungehobelt, ich solle nicht schwatzen. Ich verharrte in Erstarrung, hörte den Ruf eines Mäusebussards: „Piiiääääh.“
 
„Möchtest du einmal eine Pause machen?“, fragte die zeichnende Schwerarbeiterin nach der Phase der Konzentration. Pause von was? Ich hatte ja wirklich keine Leistung vollbracht, sass herum, hing herum. Die Arbeit wurde nebenan, am Zeichentisch, geleistet. Das Schwimmteichwasser und der leichte Wind schufen ein Klima wie in der Provence, wie Sonja feststellte, die in der Stadt Zürich (Seebach) aufgewachsen ist, wo sie bis zum 20. Altersjahr lebte; später lebte sie am Zürichsee im Clubhaus des Ruderclubs GC in einem Erkerzimmer mit direktem Blick auf den See. Vor allem die Provence hat es ihr angetan. Und es passte zum Thema, dass ihr Lebenspartner Niklaus („Nick“) Brönnimann, ein talentierter Innenarchitekt und Gestalter, gerade mit einem grossen Lavendelstrauch als Topfpflanze auftauchte.
 
Die Session ging weiter; das Ruhigsitzen und Lippenstillhalten waren in dieser Umgebung noch schwieriger. Nick sprudelte, lieferte Erklärungen über Material, Farben, Formen, Design und das Zusammenwirken von alledem. Sonja war nun beim Oberkörper angelangt, bei Hemd und Gilet, zog kräftige Striche. Gelegentlich schien sie mit Kreiden aufs Papier zu trommeln, blies den Staub weg, hielt die Zeichnung auf Augenhöhe und murmelte etwas wie „Soaaahh“, was ich als Zustimmung zum eigenen Werk interpretierte. Als das Meisterwerk vollendet war, wurde es mit Fixativ sprayend fixiert, wobei darauf geachtet werden musste, dass nicht auch noch eine vorwitzige Mücke konserviert wurde. Haltbar für die Ewigkeit.
 
Und dann durfte ich das Bild sehen: Treffend. Vielleicht in aller künstlerischen Freiheit eine Spur retouchierend beschönigt. Mein zerfurchter Hals hatte auf dem grauen Papier, das die Bildfläche kräftig zusammenhält, plötzlich Schwung, meine nicht mit Eigenfett aufgespritzten, schmalen Lippen wurden so bescheiden wiedergegeben, wie sie sind, ohne dass sich im Gestrüpp der Barthaare und im Geflecht der Runzeln verlieren. Das Porträt war über die Skizzenhaftigkeit herausgewachsen, wirkte bildhaft. Meine Begeisterung über diese physiognomische Studie, die ich zum wortreich Ausdruck brachte, war ehrlich. Ja, das Zeichnen bedeutet, Zeichen zu setzen.
 
Zeichnungen und damit Zeichen von Sonja Burger hängen in vielen Arztpraxen. Bisher sind an die 100 Posters entstanden, die den Menschen zerlegen, die Organe, ihre Lage und ihr Wirken im Umfeld erklären, das Unsichtbare sichtbar machen.
 
Oft habe ich das Gefühl, Sonja schaue in einen hinein, sehe mehr als die äussere Hülle. Alles dringt in tiefere Schichten vor. In ihrem Wohnzimmer stehen Weinflaschen mit Etiketten aus ihrem Atelier, die sie für Coop angefertigt hat: Eglisauer, Hallauer, Weine zum Fondue, zu Spargeln – immer naturgetreue Darstellungen, die erklären, Stimmung vermitteln. Die Künstlerin versteht es, die überlieferte Zeichenkunst in moderner Art zu modifizieren, Sichtbares, Unsichtbares und sinnlich Erfahrbares auf bewegende Art mitzuteilen. Ihre Botschaft hat mich tief beeindruckt, einmal mehr.
 
Hinweise
Zeichen- und Malkurse
Sonja Burger bietet Zeichen und Malkurse an, wie aus einem neuen Prospekt ersichtlich ist, der im Internet unter dem Link
 
 
eingesehen werden kann. Sie verfügt über didaktische Erfahrung, hat schon früher in südlichen Gefilden Kurse zu verschiedenen Zeichen- und Maltechniken geleitet, und unterrichtet heute noch Studenten der Architektur und Gartenarchitektur an der ETH Zürich. Selbstverständlich erstreckt sich ihre thematische Breite auch auf das Festhalten von Landschaften, Tieren, Pflanzen, Bauwerken usf. Es gibt keine Grenzen.
 
Die am 19.07.2012 entstandene und oben beschriebene Zeichnung ist im Internet hier zu finden:
 
 
Auf meine Frage, ob sie auch Porträts im Auftrag zeichne oder male, antwortete Sonja Burger mit einem klaren Ja. Je nach Medium (Kohle, Bleistift, Pastell, Acryl, Öl usf.) variieren die Preise ab 500 CHF. – eine Anlage von zumindest bleibendem Wert, auch für kommende Generationen.
 
Kontakt
Sonja Burger
Wissenschaftliche Illustration
Schürlimattring 52
CH-5103 Wildegg

Telefon +41 (0)62 896 07 65
Fax +41 (0)62 896 07 67

E-Mail: info@sonjaburger.ch
Internet: www.sonjaburger.ch
 
Hinweis auf Textatelier.com-Artikel über Sonja Burger
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